Logo_HP_2022-1

Ohne dass die Russen kommen


Das Wort “Kampagnenjournalismus” wird für gewöhnlich nicht als Kompliment aufgefasst, im Axel-Springer-Verlag hingegen versucht man derzeit mit aller Macht den “Petitionsjournalismus” zu etablieren: Die Panzer des Sowjetischen Ehrenmals am Berliner Tiergarten sollen entfernt werden. Kurioserweise scheinen sich die Petenten nicht an den ebenfalls dort aufgestellten Kanonen zu stören, jedenfalls werden diese nirgendwo erwähnt. Vielleicht, weil man sie von der Straße aus nicht so gut sieht und Springers Schreiber selten so weit weg vom Brandenburger Tor ihr Taxi verlassen.
Tatsächlich sind Springer-Journalisten begnadete Kampagnenfahrer, und so meldet sich mittlerweile immerhin die C- bis D-Klasse der deutschen Politik, Kunst und sonstiger Öffentlichkeit und unterstützt das Vorhaben. Rhetorisch und argumentativ bewegen sich dabei viele Vertreter eines panzerfreien Tiergartens unterhalb der Nachweisgrenze. (Link auf bild.de)So lässt sich der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, wie folgt zitieren:

Ich habe noch nie verstanden, warum man ausgerechnet mit Panzern der Opfer eines Krieges gedenkt.

Gerade als Leiter einer Berliner Gedenkstätte sollte Knabe allerdings wissen, dass dies überhaupt kein Denkmal für die Opfer des Krieges ist, sondern eines für die im Kampf gegen das Dritte Reich gefallenen Soldaten der Roten Armee. Das ist ein gewichtiger Unterschied, denn er entscheidet zwischen einer diffusen Ausrichtung (denn Opfer des Krieges können tatsächlich auch überzeugte Pazifisten geworden sein) und einer klar umrissenen Gruppe von Menschen, von denen einige tausend sogar an genau dem Platz des nun kritisierten Mahnmals begraben sind. Wir sprechen hier also nicht nur nicht von einem “Gedenken an die Opfer des Krieges”, sondern von einem Soldatenfriedhof, auf dem über 2.000 Menschen liegen, die ihr Leben für den Kampf gegen Nazideutschland gegeben haben.
Erika Steinbach, die ich eigentlich zur Rettung meines Blutdrucks aus meinen Gedanken verbannen wollte hingegen sieht endlich ihre Zeit gekommen:

Ich habe mich immer schon sehr über die beiden Panzer in der Nähe des Brandenburger Tors geärgert. Es spricht kein Friedenswille daraus. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, diese Zeichen eines grausamen Krieges zu beseitigen.

Tatsächlich sind diese Panzer unfreiwilligerweise ein Symbol des Friedens. Wie sonst wäre es möglich gewesen dass sie, obwohl im britischen Sektor (West-)Berlins stehend, noch bis nach dem Mauerfall von sowjetischen Soldaten bewacht wurden? Und darüber hinaus: Warum sollte es ausgerechnet an der Sowjetunion gewesen sein, Friedenswillen zu bekunden? Nur dadurch, dass die Sowjetunion, England, die USA und viele andere Nationen letzten Endes keinen Friedenswillen mehr hatten, wurden der deutsche Vernichtungs- und Territorialkrieg wie auch der Holocaust gestoppt. Denn Erika Steinbach sagt ganz richtig, dass dies ein “grausamer Krieg” war, doch sie verschweigt, wer Schuld an dieser Grausamkeit und diesem Krieg trug, ganz so wie sie gerne verschweigt was ursächlich für die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg war.
Zu Charly Körbel ist tatsächlich kaum noch etwas zu sagen. Hat dem armen Mann jemand gesagt, dass die T-34 nicht mehr fahr- und kampftüchtig sind, bevor er sich so zitieren ließ?

Ich unterschreibe, weil ich solche Aktionen mit Panzern in Deutschland nicht sehen will

Militaristische Töne ähnlicher Art schlägt CSU-Bundestagshinterbänkler Hans Michelbach an:

„Ich unterstütze die Petition , denn Panzer aus der Zeit der Sowjetunion haben vor dem Brandenburger Tor nichts zu suchen. Das zeigt das russische Verhalten in der Ukraine.“

Michelbach verlässt an dieser Stelle mit voller Kraft das Raum-Zeit-Kontinuum: Weder erklärt er, was Panzer der Sowjetunion mit Russland zu tun haben, noch was Brandenburger Tor und Ukraine verbindet. Tatsächlich versucht er hier eine politisch-historische Kontinuität zwischen Sowjetunion und Russland herzustellen, die er, auf Deutschland angewendet, sicherlich empört zurückweisen würde. Denn wenn Handlungen der Gegenwart ein Urteil über die Vergangenheit ermöglichen, dann müsste dies andersherum auch funktionieren, und dann dürften wir keinen deutschen Soldaten mit irgendwelchen Ehren begraben. Das kann Michelbach sicher nicht wollen.
Mike Mohring, CDU-Fraktionsvorsitzender aus Thüringen versucht sich an einer zukunftsorientierten Geschichtsdeutung:

Panzer sind Symbole von Krieg, Gewalt und Leid. Im 21. Jahrhundert löst man Probleme nicht mit Waffengewalt und militärischer Macht. Das Brandenburger Tor in unmittelbarer Nähe erinnert an die deutsche Teilung und Wiedervereinigung Europas in Frieden zugleich. Panzer haben da nichts mehr zu suchen

Es ist nicht verständlich, wie Mohring die sowjetischen Panzer des Zweiten Weltkriegs mit den internationalen Beziehungen des 21. Jahrhunderts zusammenbringt. Tatsächlich bringt er mit der Symbolkraft des Brandenburger Tores einen guten Gedanken ein, er denkt ihn nur nicht zu Ende. Denn wenn wir das Gedenken an den Krieg völlig entkernen und nationalisieren, dann werden wir vergessen, warum Europa als friedliches Projekt überhaupt angegangen wurde: Damit ein solcher Krieg und die Toten der Roten Armee überhaupt nicht mehr notwendig würden.
Michael Fischer, Leipziger Künstler, formuliert hingegen knackig:

Die Botschaft des Blutvergießens brauchen wir nicht.

Auch hier werden Ursache und Wirkung verwechselt: Die sowjetischen Panzer sind nicht das Symbol des Blutvergießens, sie sind Symbol von dessen Ende. Die Botschaft dieser Panzer hat nichts mit Angriffskrieg oder Landgewinnung zu tun, sie steht für den Sieg der Welt gegen den Faschismus.
Am Ausgewogensten ist tatsächlich die Stimme des Münchner Stadtrats Marian Offman:

Als jüdischer Deutscher bin ich dankbar für die Befreiung von der Nazi-Diktatur, doch sind Panzer am Ehrenmal heutzutage nicht mehr zeitgemäß.

Natürlich sind Panzer nicht besonders zeitgemäß. Das ganze Denkmal wirkt wie aus der Zeit gefallen, aber tatsächlich ist es das ja auch, und es ist ja auch der Sinn eines Denkmals. Wenn wir Denkmäler alle zwanzig Jahre turnusmäßig auf ihre Zeitmäßigkeit prüfen würden, dann hätten wir längst die Sieges-Quadriga auf dem Brandenburger Tor einschmelzen lassen, wir hätten das verschwendungssüchtige Sanssouci in einen Parkplatz umgewandelt und das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald gesprengt.
Doch es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Die inszenierte Empörung, die die aktuelle russische Außenpolitik mit der Roten Armee verknüpft, spielt ihr Instrument in einem neuen Narrativ der guten Deutschen, das aus unserer Gegenwart versucht wie Efeu in die Vergangenheit zu wuchern, sich festzusetzen und aus Geschichte Geschichtspolitik zu machen. Tatsache ist: Das Sowjetische Ehrenmal wurde nach dem Sieg der Welt über das faschistische Deutschland gebaut, unter den Bedingungen der Sieger, und es steht nur für diesen Sieg und die Opfer, die für diesen Sieg erbracht wurden. Es steht damit nicht im Kontext der realsozialistischen Unterdrückung in der DDR, und es steht erst Recht nicht im Kontext einer nichtsowjetischen Außenpolitik Wladimir Putins. Es steht einzig und allein dafür, dass über 80.000 Rotarmisten im Kampf um Berlin starben. Es soll hier nicht um die Aufrechnung von Opferzahlen gehen, aber die ausbleibende Empörung, obwohl es um mehr als drei Mal so viele Tote wie bei der Bombardierung Dresdens geht, ist bezeichnend.
Man kann das Denkmal ästhetisch abstoßend finden, und tatsächlich funktioniert es am besten, wenn man aus der Ansicht von Panzern und Kanonen eine Abscheu gegenüber Krieg entwickelt. Doch auch wenn wir mittlerweile die vierte und fünfte Nachkriegsgeneration erleben, steht es uns nicht zu, den Alliierten des Zweiten Weltkrieges Vorschriften über die Ehrung ihrer Toten und die Gestaltung ihrer Friedhöfe zu machen.

14 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Du bist angemeldet als mhoffmann. Dein Profil bearbeiten. Abmelden? Erforderliche Felder sind mit * markiert



© 2023 Moritz Hoffmann


Twitter


Mastodon


Linkedin


Instagram


Facebook


Envelope


Telegram