{"id":2216,"date":"2024-10-09T17:42:53","date_gmt":"2024-10-09T15:42:53","guid":{"rendered":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp23\/?p=2216"},"modified":"2024-10-09T17:42:53","modified_gmt":"2024-10-09T15:42:53","slug":"traktoren-traktate-legenden-und-lektionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/2024\/10\/09\/traktoren-traktate-legenden-und-lektionen\/","title":{"rendered":"Traktoren, Traktate, Legenden und Lektionen"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Beitrag erschien zuerst als <a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/de\/schicht-im-schacht\/posts\">Newsletter \u201eSchicht im Schacht\u201c auf Steady<\/a>. Alle neuen Beitr\u00e4ge erscheinen hier erst mit Verz\u00f6gerung und k\u00f6nnen dort per Mail abonniert werden.<\/em><\/p>\n<p data-pm-slice=\"1 1 []\">Eine Woche voller Staus liegt hinter uns, und ausnahmsweise waren weder Baustellen noch Angeh\u00f6rige der \u201eLetzten Generation\u201c daf\u00fcr verantwortlich, sondern deutsche Landwirte und Leute, die gerne Freunde deutscher Landwirte w\u00e4ren und nat\u00fcrlich waren da auch Leute, die entweder die Regierung oder das Regierungssystem abschaffen wollen. Zwei Dinge haben diese Proteste so gro\u00df gemacht: Einmal die bemerkenswert gro\u00dfe Lobby, die Landwirte immer noch haben, und das Protesthilfsmittel: Ein John-Deere-Traktor der Marke 6175M ist 2,8 Meter breit und 4,99 Meter lang und belegt damit 14 Quadratmeter Demonstrationsfl\u00e4che, w\u00e4hrend ein \u00fcblicher Demonstrant zu Fu\u00df bei polizeilichen Z\u00e4hlungen meist etwa einen Drittel Quadratmeter zugesprochen bekommt. Einen Trecker zu haben vergr\u00f6\u00dfert eine Demonstration also um den Faktor 42; und da haben wir das Bedrohlichkeitspotenzial und die M\u00f6glichkeit zur schnellen und unr\u00e4umbaren Stra\u00dfensperrung noch gar nicht einberechnet.<\/p>\n<p>Den Trecker als politisches Druckmittel haben wir nicht Konservativen oder Rechten zu verdanken, sondern ausgerechnet einer Vorform der Gr\u00fcnen: Im \u201eGorleben-Treck\u201c fuhren 1979 rund 350 Traktoren vom Wendland aus Richtung Hannover auf und schafften es gemeinsam mit zahlreichen weiteren Demonstrierenden, aus der geplanten Wiederaufbereitungsanlage f\u00fcr nukleare Brennst\u00e4be das Zwischenlager Gorleben zu machen. Aber auch diese eher friedliche Gruppe kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der Einsatz einer gro\u00dfen landwirtschaftlichen Maschine zur Artikulation politischer Forderungen eine gewisse Gewaltdrohung beinhaltet \u2013 gut zu sehen in <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SYN7gomPmek\">diesem bekannten Video<\/a>, in dem die Polizei alle M\u00fche hat, einen einzelnen Demonstranten unter Kontrolle zu bekommen. Ein friedlicher Angeh\u00f6riger der \u201eLetzten Generation\u201c ist f\u00fcr die Ordnungskr\u00e4fte jedenfalls mit deutlich weniger Aufwand behandelbar.<\/p>\n<hr aria-hidden=\"true\" \/>\n<p>Eine galante \u00dcberleitung zum n\u00e4chsten Thema verbietet sich aus einer Vielzahl von Gr\u00fcnden, deshalb direkt hinein: Mit au\u00dfergew\u00f6hnlich scharfen Worten hat der Hamburger Historiker und (Post-)Kolonialismushansdampf in allen Gassen J\u00fcrgen Zimmerer <a href=\"https:\/\/bsky.app\/profile\/juergenzimmerer.bsky.social\/post\/3kj3ffq6qyg27\">seinen Kollegen Norbert Frei attackiert<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNorbert Frei war einmal ein ernst zu nehmender Historiker. Wenn er \u00fcber Postkolonialismus schreibt, erscheint er aber auch nur als &#8222;alter weisser Mann&#8220;. Ahnung vom Thema zeigt er nicht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Was war passiert? Frei, der den Begriff \u201eVergangenheitspolitik\u201c in die unserem Fach verankert hat, hatte f\u00fcr die S\u00fcddeutsche Zeitung ein Mini-Essay von nicht einmal 10.000 Zeichen geschrieben, in dem es um die weiterhin n\u00f6tige Erinnerung an den Holocaust ging, historisch hergeleitet und mit aktuellen Beispielen versehen. Ganz neu ist der Text nicht, er \u00e4hnelt in Teilen einem Beitrag, den Frei bereits 2022 in <a href=\"https:\/\/portal.dnb.de\/opac\/simpleSearch?query=9783406784491&amp;cqlMode=true\">einem Sammelband<\/a> ver\u00f6ffentlicht hatte. Was Zimmerer so erz\u00fcrnt, d\u00fcrfte ein Absatz gewesen sein:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn solchen S\u00e4tzen (H\u00f6ckes Erinnerungswende, M.H.) schwingt ein kaum verhohlener Antisemitismus mit, der sich in \u00e4hnlicher Weise auch bei manchen postkolonialen Kritikern des deutschen Holocaust-Gedenkens zeigt: So etwa, wenn behauptet wird, die Deutschen entspr\u00e4chen damit nur den Forderungen von &#8222;amerikanischen, britischen und israelischen Eliten&#8220; und missachteten dar\u00fcber die Erinnerung an andere Gruppen, die ihrem Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus zum Opfer gefallen seien.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit spielt Frei auf den australischen Genozidforscher A. Dirk Moses und seinen Beitrag \u201eDer Katechismus der Deutschen\u201c an, der 2021 eine Debatte ausl\u00f6ste, die ganz offenbar noch lange nicht vorbei sein wird: Ob die deutsche spezifische Erinnerung an den Holocaust den Blick auf andere historische Verbrechen und damit auch die politischen Handlungsspielr\u00e4ume der Bundesrepublik einengt. Die ganze Debatte hier zusammenzufassen w\u00e4re ein absurdes, zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, allein: Frei \u00e4u\u00dfert hier einen legitimen, von zahlreichen renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vertretenen Standpunkt, und das in einer vergleichsweise zur\u00fcckhaltenden Form: Patrick Bahners (FAZ) etwa hatte Moses rundheraus vorgeworfen, den \u201eSchuldkult\u201c-Vorwurf der deutschen Rechtsextremen von links neu aufgemacht zu haben und ihn einen \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Finis_Germania\">Sieferle<\/a> von links\u201c gescholten.<\/p>\n<p>So wirkt Zimmerers harsche, uninhaltliche Reaktion beispielhaft f\u00fcr eine seit dem 7. Oktober 2023 noch einmal versch\u00e4rfte Debatte im deutschsprachigen Raum. Der hat sich im Gegensatz zur englischsprachigen Linken eben nicht einseitig in einer postkolonial verstandenen Pal\u00e4stinasolidarit\u00e4t positioniert sondern pluraler, widerspr\u00fcchlicher und (meinem Eindruck nach) oft sorgf\u00e4ltiger argumentiert. Aus einer politischen Verantwortung f\u00fcr Israel, nat\u00fcrlich, aber auch gespeist aus einer seit \u00fcber 30 Jahren andauernden Debatte, die internationale Stimmen offenbar kaum mitbekommen haben. Denn wer die deutsche Holocaust-Erinnerung als \u201eBelehrung durch eine religi\u00f6se Autorit\u00e4t\u201c (um mal unbeholfen \u201aKatechismus\u2018 zu \u00fcbersetzen) wahrnimmt, der hat sich nie durch zehn Jahre antideutsche Textproduktion gek\u00e4mpft. Da ist n\u00e4mlich jeder Gott sehr, sehr weit weg.<\/p>\n<hr aria-hidden=\"true\" \/>\n<p>Vom Gott zum Kaiser: Es war spannend zu sehen, wie die deutsche \u00d6ffentlichkeit auf den Tod Franz Beckenbauers reagierte: Neben einigen erwartbaren Erinnerungen, bitte die Schattenseiten nicht zu vergessen, \u00fcberwog n\u00e4mlich sp\u00fcrbar die Erleichterung, jetzt \u00fcber den pr\u00e4gendsten Fu\u00dfballer der Landesgeschichte mal wieder positiv reden zu k\u00f6nnen, \u00fcber seinen Fu\u00dfball (und die Eleganz ist ja wirklich beeindruckend, ganz anders als bei den Holzf\u00fc\u00dfen drumherum, die heute statt einer Weltmeisterschaft die Kreisklasse aufrollen w\u00fcrden) und seine F\u00fchrung der ersten Nationalmannschaft aus Fu\u00dfballmillion\u00e4ren 1990. Die sonst gerne kritischen Fu\u00dfballexperten Arnd Zeigler und Philipp K\u00f6ster ergingen sich in nostalgischen Lobeshymnen und erw\u00e4hnten die Korruption um die WM 2006 nur pflichtschuldig. Au\u00dfen vor blieb, wie eigentlich \u00fcberall, Beckenbauers Verh\u00f6hnung der katarischen Gastarbeiter, unter denen er keine Sklaven gesehen haben wollte. Es wird spannend sein zu sehen, welches Bild Beckenbauers haften bleiben wird. Und wie lange das Bild \u00fcberhaupt lebendig bleibt: Jamal Musiala, der bald 21 wird, konnte in den Interviews nach seinem Zwei-Tore-Spiel vom Freitag auf Fragen zum Bayern-Ehrenpr\u00e4sidenten nicht mehr als ein paar Floskeln abspulen, wie auch: Beckenbauers letzte Trainert\u00e4tigkeit endete sieben Jahre bevor Musiala \u00fcberhaupt geboren wurde. Generationswechsel sind so, abrupt und unerwartet.<\/p>\n<hr aria-hidden=\"true\" \/>\n<p>Zuletzt erschien der Artikel \u201e<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2024\/03\/metoo-deutsche-universitaeten-frauen-hochschule\">Deutsche Unis haben ein MeToo-Problem<\/a>\u201c in der Zeit, der endlich und vollkommen richtig die Kombination aus Machtgef\u00e4lle, Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen und verbreitetem Sexismus als Problem benennt. Das das so ist, ist unter den hier Lesenden sicherlich unstrittig, ich m\u00f6chte dennoch zwei kritische Anmerkungen machen: Einerseits reflektieren die beiden Autorinnen meines Erachtens zu wenig, dass sie Historikerinnen sind, also aus der Welt eines Faches schreiben, in dem immer noch f\u00fcr viele Absolvent:innen die Karriere an einer Universit\u00e4t die direkteste Option zu einem erf\u00fcllenden, studiumsnahen und gut bezahlten (doch, wirklich) Job darstellt. Der Automatismus der Abh\u00e4ngigkeit vom Lehrstuhlinhaber besteht weitaus weniger in F\u00e4chern, in denen die Headhunter schon bei der Absolventenfeier mit Geldscheinen wedeln \u2013 gleichzeitig findet aber auch dort Missbrauch in allen Facetten statt.<\/p>\n<p>Mein zweites Problem betrifft eine konkrete Forderung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAu\u00dferdem fordern wir, dass Hochschulleitungen ihre F\u00fcrsorgepflicht konsequent wahrnehmen und Vorf\u00e4lle personalrechtliche Konsequenzen haben. Wer etwas beobachtet oder Ger\u00fcchte h\u00f6rt, sollte die Pflicht haben, diese zu melden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich halte die Vorstellung f\u00fcr \u00e4u\u00dferst kontraproduktiv, dem Opfer sexueller Ausbeutung die Entscheidung wegzunehmen, ob es deshalb straf- und arbeitsrechtliche sowie disziplinarische Wege beschreiten m\u00f6chte. Eine solche Forderung, aus dem besten aller guten Willen gestellt, nimmt den Opfern ein zweites Mal die Agency \u00fcber ihr Tun. Wir brauchen dringend bessere Anzeige- und Verfahrenswege und den Willen der Unis, hier auch wirklich vorzugehen \u2013 aber am Anfang aller Aufarbeitung muss der Wille stehen, den Opfern ihre Stimme oder ihr Schweigen zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Woche voller Staus liegt hinter uns, und ausnahmsweise waren weder Baustellen noch Angeh\u00f6rige der \u201eLetzten Generation\u201c daf\u00fcr verantwortlich, sondern deutsche Landwirte und Leute, die gerne Freunde deutscher Landwirte w\u00e4ren&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2217,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-2216","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-newsletter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2216"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2216\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2243,"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2216\/revisions\/2243"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2217"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/moritz-hoffmann.de\/wp24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}