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“Hitler-Droge!”: eine kurze Geschichte des Methamphetamin

Dass Volker Beck anscheinend mit einer geringen Menge Crystal Meth erwischt wurde, war gestern die Top-Nachricht und wird uns noch eine Weile verfolgen – womöglich wird es in die Geschichte eingehen als ein umgekehrtes Fukushima, das die Grünen in Baden-Württemberg aus der Regierungsverantwortung heraus schob.

Die BILD hat in jedem Falle mal wieder eine BILD-Schlagzeile rausgehauen und, wie Stefan Niggemeier richtig anmerkt, die Synonymsucht der deutschen Presse vollständig eskaliert. „Hitler-Droge“, das klingt natürlich besser als „Crystal“ oder „Ice“ oder eben „Teufelsdroge“.

Und gerade wollte ich mich noch darüber mokieren, dass alle offenbar „Teufelsdroge“ für ein normales Synonym halten. pic.twitter.com/Rb3HBZSbgD

— Stefan Niggemeier (@niggi) 2. März 2016

Methamphetamin, wie wir es jetzt der Neutralität halber mal nennen, kam zur Zeit des Nationalsozialismus nach Deutschland, ein gutes Jahrzehnt nachdem es in Japan als „Philophon“ (ein Wortwitz mit dem japanischen „Müdigkeit schlagen“ und dem griechischen „Arbeitliebend“) auf den Markt gebracht worden war. In Berlin hatte die Firma Temmler-Werke die Firmenanteile eines unter Zwang ausgeschiedenen Miteigentümers der Chemischen Fabrik Tempelhof erworben, dort ab 1934 ein neues Syntheseverfahren für Methamphetamin entwickelt und dieses schließlich 1938 als Pervitin in den Handel gebracht.

Dieses Pervitin feierte einen rasanten Aufstieg quer durch alle Bevölkerungsschichten, und der Umgang mit dem Mittel reiht sich nahtlos ein in die Reihe sorgloser bis fortschrittsbegeisterter Unvernünftigkeiten wie dem Röntgengerät, mit dem noch in den 1950er Jahren direkt im Laden überprüft wurde, wie gut Kinderfüße in die Schuhe passen.

schokakola
In Scho-Ka-Kola war entgegen vieler Gerüchte nie Methamphetamin enthalten. Die koffeinhaltige Schokolade war Teil der Luftwaffe-Ausrüstung und daher als „Fliegerschokolade“ bekannt | CC-BY-SA Jan Wellen

Pervitin war jedenfalls zunächst einmal frei verkäuflich, als Tablette ebenso wie in Pralinenform, es wurde als Wundermittel gegen Erschöpfung, Angstzustände und Übergewicht verkauft. Seinen wirklichen Durchbruch erlebte es aber bei der Wehrmacht, die im „Blitzkrieg“ auf wache und angstbefreite Soldaten angewiesen war. Die häufig kolportierte Zahl von 35 Millionen Tabletten „Panzerschokolade“, die allein in drei Monaten des Jahres 1940 von der Wehrmacht geordert wurden, lässt sich mir so nicht verifizieren, sie erscheint aber realistisch. Mit diesem massenhaften Einsatz begannen aber auch die Probleme, die diese vier chronologischen Zitate aus Feldpostbriefen Heinrich Bölls verdeutlichen:

Wenn die nächste Woche so schnell vorübergeht wie die letzte, bin ich schon froh. Schickt mir doch bei Gelegenheit noch einmal Pervitin; das kann ich jetzt bei den vielen Wachen gut gebrauchen; und etwas Speck, wenn es möglich ist, für Kartoffeln zu braten.

Ich bin natürlich hundemüde, denn ich habe gestern nacht nur zwei Stunden geschlafen, und diese Nacht werde ich auch nicht mehr als drei Stunden Schlaf haben, aber ich muß jetzt eben wach bleiben. Pervitin wird übrigens bald anfangen zu wirken, und das wird mir über diese Müdigkeit hinweghelfen.

Ich bin todmüde und will nun Schluß machen. Schickt mir nach Möglichkeit bald noch etwas Pervitin und von den Hillhall- oder Kamil-Zigaretten.

Der Dienst ist stramm, und ihr müßt verstehen, wenn ich späterhin nur alle 2-4 Tage schreibe. Heute schreibe ich hauptsächlich um Pervitin.

Es ist schon in diesem kleinen Ausschnitt deutlich: Pervitin machte süchtig, und es verschob den nötigen Schlaf nur auf Kosten immer längerer Erholungszeiten. Es wurde bereits 1939 rezeptpflichtig, 1941 als Betäubungsmittel eingestuft und damit deutlich schwieriger zu bekommen, die Ausgabe im militärischen Bereich unter Vorbehalte gestellt. So erhielten Kriegsmarine-Schiffe mit Apothekeneinrichtung umgerechnet fünf Tabletten pro Besatzungsmitlied, zu deren Nutzung allerdings klare Anordnung gegeben wurde:

Jeder Sanitätsoffizier muss sich darüber im klaren sein, daß er im Pervitin ein sehr differentes und starkes Reizmittel in der Hand hat, das ihm jederzeit gestattet, bestimmte Personen seines Wirkungskreises bei der Durchführung übernormaler Leistungen tatkräftig und wirkungsvoll zu unterstützen; er soll sich aber auch jederzeit der damit verbundenen Verantwortung bewußt werden.

Dass BILD Methamphetamin nun „Hitler-Droge“ nennt, liegt hauptsächlich daran, dass im vergangenen Jahr mit „Der totale Rausch“ von Norman Ohler ein neues Buch erschienen ist, dass die knallige These vertritt, dass Hitlers nahezu gesamtes Verhalten im Laufe des Zweiten Weltkriegs von seiner Drogensucht bestimmt war – und dabei auch von seinem Methamphetamin-Missbrauch. Das Problem ist dabei nicht, dass Ohler kein Historiker, sondern ein zum Blumigen neigender Journalist ist. Es ist auch kaum, dass er seine Kapitel beispielsweise „Zeit ist Meth“ nennt – das Problem ist eine weitgehende Beleglosigkeit. Denn auch wenn nun überall zu lesen ist, dass Hitler die letzten drei Jahre seines Lebens Pervitin intravenös gespritzt bekam: es gibt keinen Beleg dafür. Der einzige Hinweis darauf, dass Hitler das Mittel überhaupt nahm, ist eine kurze Notiz seines Leibarztes Theodor Morell, der am 19. Dezember 1944 die Verabreichung von „Leber und Pervitin auf Wunsch wegen der derzeitigen Arbeitsüberlastung“ verzeichnete. Daraus zu machen, dass Meth die „Hitler-Droge“ ist, scheint doch arg überstrapaziert. Überhaupt finden sich im kleinen „Fakten-Kasten“ der heutigen BILD-Ausgabe zahlreiche „Soll“- und „Kann“-Angaben, die nicht haltbar sind. So gibt es weder einen Beleg für die Behauptung „Soldaten der Wehrmacht sollen zwischen 1939 und 1945 mehr als 200 Millionen dieser Pillen geschluckt haben“, noch wurde das Mittel erst 1945 auf die „Opiumliste“ gesetzt. Dass es 1988 nicht verboten wurde, sondern lediglich als nicht verschreibungsfähig eingestuft wurde (in der Forschung ist es weiterhin verwendbar), ist da nur eine Randnotiz.

obetrol
Obetrol beinhaltete ursprünglich Methamphetamin

Methamphetamin hatte übrigens auch noch eine Forrest Gump zur Ehre gereichende Nachkriegskarriere. Nach der Remilitarisierung bevorrateten sich Bundeswehr wie NVA mit dem Mittel für den Fall der Fälle. In den USA wurde es Bestandteil beliebter Diätpillen und somit zu einem der meistverkauften „Mommy’s Little Helpers“, also frei verkäuflicher Drogen, die insbesondere Hausfrauen abhängig machten, aber auch amerikanische Männer kamen in den Genuss, wenn sie in den Kriegseinsatz in Korea oder Vietnam geschickt wurden. Es spricht aber auch einiges dafür, dass Pervitin in kleinen Ampullen war, die ein Platzwart 1954 im deutschen Mannschaftsraum im Wankdorf-Stadion fand – dass Mannschaftsarzt Franz Loogen den Spielern vor dem WM-Finale eine Substanz injizierte, haben Ottmar Walter und Horst Eckel später zugegeben. Aber eine Schlagzeile wie „Grüner mit Wunder-von-Bern-Droge erwischt!“ wäre natürlich deutlich weniger knallend gewesen.

Titelbild: Pervitin, CC-BY quapan/flickr

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