Logo_HP_2022-1

Wir müssen über Nazis reden


Britisches Plakat aus dem Zweiten Weltkrieg, via The National Archives

Wo ist eigentlich die Zeit hin als alle klagten, es gäbe gar keinen Wahlkampf in diesem Jahr in Deutschland? In den letzten Wochen hat die politische Auseinandersetzung ziemlich schnell aufgeholt, was die Kontroverse angeht. Nicht unbedingt zwischen der Bundeskanzlerin und dem faktischen Kanzler-Zählkandidaten, sondern zwischen all den Parteien, die auf Platz 3 der Fraktionshierarchie landen wollen, und im Speziellen noch einmal bei allen gegen die AfD. Das ist weder verwunderlich noch verwerflich, denn CDU/CSU würden gerne den rechten Rand mit abdecken und SPD, Grüne und Linke haben weitgehend anderslautende Vorstellungen von einer guten Welt als die Partei mit Rechtsdrall.

Und doch müssen wir natürlich über die AfD reden – nicht so, wie das im Moment viel im Fernsehen geschieht, vor allem in Formaten des mal als Rotfunk geltenden WDR, wo „hart aber fair“ mittlerweile seine Sendethemen direkt aus dem AfD-Agendasetting übernimmt, sondern da, wo die AfD sich implizit, geradezu beiläufig über ihren Wesenskern äußert. Und natürlich auch dort, wo diese Äußerungen dann aufgenommen, verarbeitet und entgegnet werden.

Ich glaube, Jan Böhmermann war es, der vor knapp drei Wochen erstmals den talking point einbrachte, mit der AfD säßen erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Nazis im deutschen Parlament. Das ist so natürlich inhaltlich überhaupt nicht zu halten, weil nicht nur viele (Alt-)Nazis auch nach 1949 in den Bundestag kamen, sondern (gesetzt den Fall, man bezeichnet die AfD als Nazipartei) Erika Steinbach als Vertreterin des AfD-Parteiprogramms natürlich nicht vergessen werden dürfte. Noch einmal: Wenn man der Prämisse der AfD als Nazipartei zustimmt. Ob man sich deshalb wirklich dazu hinreißen lassen muss, Böhmermann Relativierung von NS-Verbrechen vorzuwerfen, wie es der nie um Lautheiten verlegene Gerd Buurmann tat, sei allerdings dahingestellt.

Fakt ist allerdings, dass besagter talking point seitdem eine steile Karriere hingelegt hat und von einigen der hochrangigsten PolitikerInnen dieses Landes wiederholt wurde. Und deshalb müssen wir natürlich, wenn wir über die AfD reden, über Nazis reden, über den Begriff in seiner heutigen Verwendung, über die Personen und Inhalte der AfD und über den Vorwurf schlechthin.

„Nazi“ ist jedenfalls im deutschen Sprachgebrauch allgegenwärtig, selbst wenn wir historische Inhalte ausblenden. 80 Prozent meines Twitter-Echoraums benutzen, so das Ergebnis einer schnellen, nicht repräsentativen Umfrage, das Wort „Nazi“ auch zur Beschreibung von Personen und Haltungen der Gegenwart. Das Wort „Neo-Nazi“ hingegen, mit dem zumindest ich in den 1990er Jahren zur Beschreibung ausländerfeindlicher Ausschreitungen, Morde und Haltungen aufgewachsen bin, legt seit Jahren einen rasanten Einsatz- und Relevanzverlust hin, so zumindest mein vom Google Ngram Viewer bestätigtes Empfinden:

Dem setzen Sprachkonservative, als Nazi Gescholtene und solche, die befürchten, als Nazi gescholten zu werden, entgegen, dass der Begriff nur all jene meinen könne, die Anhänger der NSDAP gewesen seien, also ausschließlich Personen, die aktuell um die 90 Jahre und älter sind. Dieses Argument setzt voraus, dass die nationalsozialistische Überzeugung, Ideologie und Weltsicht 1945 schockgefrostet wurde, in vollständige Erstarrung geriet und heute nur noch vorsichtig aus dem Tiefkühler geholt wird, um als Maßstab an Alexander Gauland angelegt zu werden. Wie weltfremd das ist, zeigt der Blick darauf, welche vielfachen Bedeutungswandel Bezeichnungen wie „Sozialdemokrat“, „Kommunist“ oder auch nur „Konservativer“ seit 1945 durchgemacht haben.

Das Werk von Neo-Nazis, Solingen 1993 | Sir James, Brandanschlag solingen 1993, CC BY-SA 2.0 DE

Tatsächlich ist der Begriff in den 1950er Jahren aufgekommen, um die Alt- von den Neu-Nazis sprachlich unterscheiden zu können – diejenigen, die sich also begeistert oder bereitwillig dem Regime angeschlossen hatten von jenen, die auf Grundlage nationalsozialistischer Ideologie konkrete, ihrer Gegenwart entsprechende politische Forderungen und Ziele artikulierten, ob verbal oder gewalttätig. Einen Höhepunkt erreichte diese Unterscheidung nicht zufällig in den 1990er Jahren, als die Hauptgeneration der (Alt-)Nazis langsam ausstarb und die meist jungen Neo-Nazis ihren populären und aufmerksamkeitsökonomischen Höhepunkt erreichten, in Rostock-Lichtenhagen, in Solingen, in Mölln. Im Jahr 2017 aber ist die Unterscheidung landläufig nicht mehr notwendig, weil es so gut wie keine Alt-Nazis mehr gibt, unter 80 Millionen Deutschen sind sie kaum mehr als eine homöopathische Dosis an Vergangenheitsverwirrtheit. Weil die Vorsilbe zur sprachlichen Klarheit nicht mehr notwendig ist, können wir sie weglassen. Das bedeutet keine Gleichsetzung jedes als Nazi Bezeichneten mit Adolf Hitler oder Rudolf Höß – das hat man schon den Neo-Nazis der 1990er Jahre nicht vorgeworfen. Denn auch wenn sie oft so aussehen, so dumm sie sie meist nicht, dass sie sich positiv auf den Holocaust beziehen würden. Mit unverhülltem, vernichtungswilligem Antisemitismus ist in Deutschland kein Staat mehr zu machen, das hat man hierzulande immerhin kapiert.


Globke 1963, 20 Jahre nachdem er von der Ausrottung der Juden, aber nicht aller Juden erfahren hatte | CC BY-SA 3.0 DE Bundesarchiv B 145 Bild-F015051-0008, Hans Globke / Patzek, Renate.

Und damit kommen wir zum zweiten Aspekt des böhmermannschen Tweets: Der Frage, ob es nach 1945 Nazis in einem deutschen Parlament gab. Die kann man recht schnell beantworten: Aber natürlich. Dazu kursiert meist ein Link zur umfangreichen Wikipedia-Seite „Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder, die nach Mai 1945 politisch tätig waren„, bei der ich als Historiker aber immer wieder Kopfschmerzen kriege – sie ist nämlich, wie das bei einem Lexikon nun einmal so ist, kontextlos, schematisch, verkürzt. Denn ein kurzer Blick zeigt schon das ganze Problem: Auf der Liste steht mit Rudi Arndt ein langjähriger Sozialdemokrat, der 1944 als 17-jähriger in die NSDAP eingetreten war, nachdem er seit der Grundschule nichts Anderes als NS-Propaganda gelernt hatte, nachdem sein Vater wahrscheinlich als unbequemer Sozialdemokrat ermordet worden war. Nicht auf der Liste steht hingegen Hans Globke, zehn Jahre lang Adenauers Kanzleramtschef und damit eine der wichtigsten Personen der frühen Bundesrepublik, der für die wichtigsten judenfeindlichen Gesetze des Dritten Reiches mitverantwortlich war und der nach eigener Aussage auch während des Krieges schon wusste, „dass die Ausrottung der Juden systematisch betrieben wurde, aber […] nicht, dass sie sich auf alle Juden bezog.“ ((Jürgen Bevers: Der Mann hinter Adenauer. Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik. Berlin 2009, S. 93.)) Dass Globke in der Wikipedia-Liste nicht zu finden ist, liegt daran, dass er als ehemaliger Angehöriger der Zentrumspartei trotz Mitgliedsantrag nicht in die NSDAP aufgenommen wurde.

Rudi Arndt oder Hans Globke, wer ist hier der Nazi?

Es ist kein Zufall, dass historische Forschungsprojekte zu Ministerien und Verwaltungseinheiten im Dritten Reich so aufwändig, langwierig und damit auch teuer sind: Ginge es nur darum in jedem Ministerium die Zahl der Beamten mit Parteibuch zu zählen, bräuchte es vielleicht ein halbes Jahr und zwei studentische Hilfskräfte. Aber so einfach kann man es sich im Positiven wie im Negativen nicht machen, weshalb es auch nicht zielführend ist noch einmal wiederzukäuen dass erst 1998 ein Bundestag zusammentrat, in dem kein Abgeordneter je NSDAP-Mitglied gewesen war. Aber direkt in der ersten Legislaturperiode saß mit Wolfgang Hedler ein Mann im Deutschen Bundestag, der wörtlich und gerichtsfest bewiesen sagte, „ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das gegebene gewesen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Vielleicht hätte es andere Wege gegeben, sich ihrer zu entledigen“. Die Liste ginge weiter, hin zu den Parteien, zur Deutschen Partei, die immerhin bis 1960 Teil der Bundesregierung war, zur Deutschen Reichspartei, aber auch zur FDP, die anfangs noch nicht so recht wusste, ob sie nun liberal sein soll oder nationalistisch – die hier oft zitierte Forderung nach Amnestie für alle „so genannten Kriegsverbrecher“ von 1951 ist allerdings kaum ein Indiz, weil dies damals eine mehrheitsfähige Forderung war, nur 10% der Deutschen hielten die Nürnberger Prozesse für gerechtfertigt.


Kommen wir also in die Gegenwart und zur AfD, die ja, je nach Lesart der Vorwürfe, eine Nazipartei sein oder zumindest Nazis als Kandidaten aufstellen soll. In den letzten Tagen sind zahlreiche akribische Untersuchungen über die Menschen erschienen, die dort tatsächlich aussichtsreich auf den Listenplätzen stehen. Darin steht natürlich einiges über Leute wie Jens Maier, der schon die „Herstellung von Mischvölkern, um die nationalen Identitäten auszulöschen“ beklagte, für den also nationale Identität aus den Genen, dem Blut herzuleiten ist und nicht aus Kultur, Sozialisierung, Erziehung oder anderen menschlich beeinflussbaren Faktoren. Oder über Wilhelm von Gottberg, der 2001 zustimmend einen italienischen Faschisten zitierte, der Gesetze gegen Holocaustleugnung als Schutz der „jüdischen Wahrheit“ bezeichnet hatte. Oder über Martin Hohmann, der erst 2004 die CDU-Fraktion verlassen musste, nachdem er 1999 beklagt hatte, das geplante Berliner Holocaustmahnmal würde ein „monumentaler Ausdruck der Unfähigkeit, uns [Deutschen] selbst zu verzeihen.“

Nicht zu entsorgen: Cambrai, Kirche und Rue St. Martin 1919, via Europeana

Aber es reicht ja womöglich schon, sich den Spitzenkandidaten anzugucken. Alexander Gauland sprach vor knapp drei Wochen beim sogenannten „Kyffhäuser-Treffen“ der lokalen AfD auch über Vergangenheitspolitik, namentlich über das deutsche Geschichtsbild nach 1945. Es lohnt sich, das Zitat in voller Länge zu lesen, wo es bisher immer nur in Ausschnitten kursierte:

„Liebe Freunde, zu unserer historischen Erinnerung gehören Stauffenberg und Rommel, Mars-la-Tour und Sedan, Cambrai und das Schlachthaus von Verdun. Das ist deutsche Geschichte und die lassen wir nicht von einer türkischstämmigen Deutschen entsorgen. [Applaus] Danke. Liebe Freunde, wer Geschichte säubert, zerstört unsere Identität, und, unser Freund Björn Höcke hat zurecht darauf hingewiesen, wir lassen uns unsere Identität nicht zerstören. Ja, wir haben uns mit den Verbrechen der zwölf Jahre auseinandergesetzt und, liebe Freunde, wenn ich mich in Europa umgucke, kein anderes Volk hat so deutlich mit einer falschen Vergangenheit aufgeräumt wie das deutsche. Man muss uns diese zwölf Jahre jetzt nicht mehr vorhalten, sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr, und das sprechen wir auch aus. [Applaus] Und deshalb, liebe Freunde, haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen. Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind, und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen. [Bravo-Rufe, rhythmischer Applaus, Gauland-Rufe]“

Man merkt an diesem Absatz, dass Alexander Gauland ein sehr intelligenter Mensch ist, auch wenn er das im aktuellen Wahlkampf versucht zu verschleiern, weil es der Kampagne der AfD nicht zuträglich wäre. Guckt man sich die Aufzeichnung der Rede an, sieht man in Gaulands Gesicht verschiedene Stufen des Ekels. Ekel vor der Situation in einem aufgeheizten, aggressiv-betrunkenen Saal, in dem der Großteil des Publikums wohl noch nie von Mars-la-Tour und Cambrai gehört haben wird. Aber Gauland kann auch dort geschickt formulieren, wie auch „unser Freund Björn Höcke“, gegen den angeblich immer noch ein Parteiausschlussverfahren läuft, auf dessen Ausgang zu wetten sicherere Renditen verspricht als ein Festgeldkonto.

Gaulands historische Erinnerung: Trauerfeier für Erwin Rommel 1944 CC BY-SA 3.0 DE Hoffmann Bundesarchiv Bild 183-J30702, Trauerfeier für Erwin Rommel, Ulm

Gauland beginnt seinen Absatz nämlich mit dem wertneutralen „Zu unserer historischen Erinnerung gehören“ und beendet ihn mit „Stolz auf“, weshalb allen Zuhörerinnen und Zuhörern klar ist, dass er sich positiv auf seine Beispiele bezieht, er es bei Gegenwind aber natürlich dementieren kann. Gauland bezieht sich also positiv auf Stauffenberg, den Anführer der Hitler-Attentäter vom 20. Juli, einen klassischen Deutschnationalen, einen Berufsoffizier, der weniger wegen des Holocaust zum (durchaus ehrenvollen, dass wir uns nicht falsch verstehen) Widerständler wurde, als aus Furcht vor der Behandlung der Deutschen durch die 1944 schon absehbaren Siegermächte. Gauland bezieht sich weiterhin positiv auf Erwin Rommel, den Generalfeldmarschall, der von der NS-Propaganda derart überhöht wurde, dass sich der Mythos Rommel bis heute nahezu unverändert auf der ganzen Welt hält – ein vollkommen unpolitischer Naivling, der an Hitler dessen Führungsstärke bewunderte und noch 1943 vorschlug, einen Juden zum Gauleiter zu machen, um internationale Sympathien zu gewinnen, ein angeblich genialer Stratege, der trotzdem nie an der Ostfront eingesetzt wurde, wo sein Genie doch deutlich wichtiger gewesen wäre als an der Ferner-liefen-Front in Afrika. Gauland bezieht sich auf Mars-la-Tour und Sedan, wo 1870 deutsche Armeen den französischen Kriegsgegner schlugen, wobei in beiden Schlachten an je einem einzigen Tag fast 6.000 Menschen starben. Er erwähnt Cambrai, die historische erste Panzerschlacht von 1917, die weder dem Deutschen Reich noch den Briten entscheidende Vorteile brachte, eine Stadt, die auch noch bekannt ist, weil die Deutschen an ihr das 27 Jahre später perfektionierte Prinzip der „verbrannten Erde“ testeten und vor dem Rückzug 1918 alles in Brand setzten, was noch brennen konnte. Zuletzt erwähnt Gauland das „Schlachthaus von Verdun“, der wohl bekannteste historische Ort der Aufzählung, wo im Jahr 1916 über 300.000 deutsche und französische Soldaten ihr Leben verloren.

Cambrai nach dem Ersten Weltkrieg

Angesichts dieser Aufzählung ist schleierhaft, woher Gauland die Behauptung nimmt, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoğuz wollte diese Teile der deutschen Geschichte „entsorgen“, eine solche Forderung lässt sich nicht einmal implizit in ihren Äußerungen finden. Gauland behauptet das, der Saal tobt. Denn die Geschichte, die darf man nicht säubern, findet der AfD-Spitzenkandidat, um dann dazu überzuleiten, warum wir jetzt bitte aufhören sollen über das Dritte Reich zu reden. Gaulands empathisches „Wir“ wird zu einem distanzierten „Es“, zu „den Verbrechen der zwölf Jahre“, zu „einer falschen Vergangenheit“, und dann lässt Gauland die Maske fallen, die ihm eigentlich ohnehin nie jemand abgenommen hat:

„Sie [die zwölf Jahre von 1933 bis 1945] betreffen unsere Identität heute nicht mehr“

Um es klar zu sagen: Alexander Gauland möchte deutsche Identität gerne aus dem Abschlachten von Franzosen vor 147 Jahren ziehen, aber bitte nicht aus dem Zivilisationsbruch von vor 72 Jahren. Er möchte Orten gedenken, die Deutsche verteidigten bis sie sie in Aussichtslosigkeit niederbrannten, aber nicht an Verbrechen, deren Täter heute teils noch mitlebend sind. Und es geht Gauland ja überhaupt nicht darum, den Nationalsozialismus zu den Akten zu legen, nein, es geht ihm lediglich darum, die Verbrechen zu beschweigen, um „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten“ gerade auch im Zweiten Weltkrieg. Er will Stauffenberg zur deutschen Identität machen, aber nicht Stauffenbergs ideologische Widersprüche oder auch nur den Grund, warum er Hitler überhaupt in die Luft sprengen wollte. Gauland möchte stolz sein auf die „Leistungen deutscher Soldaten“, die gänzlich unbeeinträchtigt von der Frage individueller Schuld vor allem darin lagen, bis in den Mai 1945 hinein den Genozid an den europäischen Juden am Laufen gehalten zu haben. Niemand behauptet ernsthaft, dass jeder Soldat der Wehrmacht individuelle Schuld auf sich geladen hat, dass er die Vernichtungsmaschinerie schützen wollte. Nicht einmal, dass er Wissen über Auschwitz und Treblinka hatte. Das ist aber auch überhaupt nicht der Punkt: Der Punkt ist das Anerkennen der Sinnlosigkeit der kaum zählbaren Opfer eines Krieges, der von Deutschland und den Deutschen ausging. Mein Opa, der es schaffte im gesamten Krieg kein einziges Mal befördert zu werden, hat das fast vierzig Jahre später in einem Interview einmal prägnant zusammengefasst:

„Wir kämpften in einem Krieg mit, den wir für unrecht hielten, und wir kämpften für einen Sieg, den wir unter keinen Umständen wollten, und wir verrechneten das gesamte als Schicksal.“

Man muss diesen Krieg nicht im Nachhinein durch Stolz auf soldatische Leistungen aufwerten, ihm irgendeinen Sinn geben, ihn zur Identitätsstiftung verwenden, sondern sollte ihm die Tragik zugestehen, dass ein Großteil dieser Männer – ohne es zu wollen – halfen, die Gaskammern in Auschwitz weiter zu betreiben. Alexander Gauland möchte eine deutsche Geschichte, die nur aus deutschem Leid, deutscher Leistung, deutscher Treue und womöglich auch deutschem Wein besteht, und wenn es schon einmal um deutsche Verbrechen geht, dann bitte nur im Kontext der weltweit vorbildlichen Vergangenheitsbewältigung. Alexander Gauland zieht aus dem Holocaust nur eine einzige Lehre: Er möchte, dass die Deutschen stolz auf seine Aufarbeitung sind.((Das ist nicht neu – schon im vergangenen Jahr schaffte Gauland es in der ZEIT ausgiebig über Auschwitz zu sprechen und dabei als einziges Opfer die deutsche Identität zu erwähnen.))

Man kann das erzkonservativ, rechts, rechtsextrem, nationalistisch oder geschichtsvergessen nennen. Es gibt dafür aber auch noch ein anderes Wort.

Nachtrag: Kaum klicke ich bei diesem Artike auf „Publizieren“, werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass das Deutsche Panzermuseum Munster in eine ähnliche Kerbe stößt.

12 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Du bist angemeldet als mhoffmann. Dein Profil bearbeiten. Abmelden? Erforderliche Felder sind mit * markiert



© 2023 Moritz Hoffmann


Twitter


Mastodon


Linkedin


Instagram


Facebook


Envelope


Telegram